Sommer Zweitausendzwölf.
Der Song macht mich völlig fertig, der Herr dazu spielt am 17. August im Astra in Berlin - ihr wisst, wo ihr mich dann findet.
Instant-Emotionen und Schnell-oder-gar-nicht haben mich ungeduldig werden lassen. Das unzuverlässige Selbstwertgefühl lässt es weder zu, dass ich mich um jemanden bemühe, noch, dass ich es ertragen könnte, würden andere es für mich tun.
Unbefristet und unterschrieben.
Es wäre dann mal wieder so weit.
Toilettenstudien
Nun kommt es, dass ich bereits dreiundzwanzig Jahre Erfahrungen mit Toiletten und Bädern vorweisen kann, wovon die letzten vier Jahre durch mein WG-Leben deutlich intensiver geprägt sind als die neunzehn Jahre davor. Andere hätten in dieser Zeit vielleicht schon das Handtuch geworfen (oder eben verschimmeln lassen), ich hingegen erfreue mich immer wieder über die Beobachtungen, die man in einem mittelmäßig unordentlichen studentischen Haushalt so machen kann. Spätestens, seit unsere Wohnung zwei Bäder vorweisen kann, lassen sich zu den witzigen Anekdoten (Erbrochenes in der Dusche oder Badehosengruppenduschsessions der Mitbewohner) einige interessante Statistiken aufstellen, die ich hier festhalten möchte:
- Sind zwei Bäder vorhanden verrichten Menschen ihr Geschäft lieber in dem augenscheinlich ruhigeren Bad, auch, wenn dort die Toilette tendenziell etwas dreckiger ist. Im Duschbad sind öfter Menschen, um Morgen- oder Abendrituale zu vollziehen, während im Bad mit der Badewanne der Klopapierverbrauch deutlich höher ist. (Kauft man für beide Bäder acht Rollen sind im Duschbad noch zwei übrig wenn im Wannenbad bereits alle verbraucht sind.)
- Die Bereitschaft, eine leere Toilettenpapierrolle wegzuwerfen, tendiert gegen Null, wenn der Mülleimer nicht in Sichtweite ist. Wenn beispielsweise das Klo am einen Ende der Badewanne, der Mülleimer auf der anderen ist, dann kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass kein Mensch seinen Hintern von der Schüssel erhebt und für ein wenig Ordnung sorgt. (Nebenbei: Selbst wenn der Mülleimer in Greifweite ist, wenn man direkt auf der Toilette sitzt, werden nur etwa fünfzig Prozent der Klopapierrollen weggeworfen.)
- Alle finden eine saubere Toilette angenehm, aber weder mahnen Gäste dreckige sanitäre Anlagen an noch sind gelbe Ränder unter der Brille für in der Wohnung ansässige Menschen ein Signal für den Reinigungsritus der Bedürfnisanstalten. Kein Putzplan bedeutet, dass man seine eigene Einstellung zur Hygiene deutlich lockern muss.
- Sortiert man vier Jahre lang neue Zahnbürsten nicht aus, lässt Gäste Einwegzahnbürsten benutzen und wirft vielleicht nur die Hälfte der eigenen alten Zahnbürsten weg kommt man auf knapp 30 Zahnbürsten in beiden Bädern. Schlüssige Argumente, einmal eine Zahnbürstensortierwoche zu veranstalten, werden bisher meinerseits noch händeringend gesucht.
Sommernachtstraum
Sie sitzen nebeinander auf dem Sofa, satt und glücklich. Unterhalten sich, sind sich nahe, noch. Kommen auf die Zukunft, die ihnen ständig ins Gesicht zu spucken scheint. Reden über Pläne, Fantasien und Denkverbote. Darüber, sein Kind im sozialen Brennpunkt großzuziehen und wie unvorstellbar dies der jeweils andere findet. Über Landhäuser, merkwürdige Essgewohnheiten und besondere Vorlieben, die man sonst auch akzeptiert hätte, die aber in eben diesem Moment alles zum Scheitern bringen zu scheinen. Sie finden sich sturköpfig, fühlen sich unverstanden, erhöhen jeden Sommernachtstraum zur unausweichlichen Barriere für eben diese Beziehung - wenn schon diese läppischen Fantasien nicht mehr möglich erscheinen, was ist denn dann noch drin?
Am Ende des Abends sitzen sich zwei Menschen gegenüber, zwischen ihnen ein halber Meter Abstand. Abgrund, der in beiden Schwindel erregt. Und erst lange Zeit später wirst er feststellen, dass die Lieblingslieder von ihr, die er damals ziemlich scheiße fand, eigentlich ganz schön sind.
Praktica LLC mit 200’er Kodak-Film. Am Küchentisch.
Hafenfest in Hamburg.
Diana F+ mit 100’er 35mm-Diafilm, crossentwickelt. In Berlin.
Ich hätte nicht vermutet, dass der Tag noch kommt, an dem ich kein abstraktes, sondern ein konkretes Bild erstellen würde, aus Formen und Farben und Rändern und Flächen, durch Pinselstrichen auf eine metergroße Leinwand gebracht. Habe mich dabei sehr von Pope Saint Victor inspirieren lassen, aber niemals abgemalt und im Bild die eigene Biografie versteckt. Plötzlich auf eine Art und Weise glücklich, wie Vierjährige glücklich sind, wenn sie ihre gemalten Strichmännchen der Mutter vorzeigen und fragen, ob sie das nicht toll gemacht haben.
Habe ich das nicht toll gemacht?
Die Mäuse für die Schlangen füttern
Warum fördern wir Kinder eigentlich schon im Kindergarten? Was hat es damit auf sich, dass Kinder bereits von ihrer Geburt an mit zwei Sprachen konfrontiert werden? Ist Yoga im Kindergarten wirklich sinnvoll und warum bringen wir den Kindern bei, sich zwischendurch zu entspannen? Wollen wir nur das Beste, dass die Kinder ihr Entwicklungspotenzial voll nutzen können, aus einer breiten Basis von eigenen Kompetenzen schöpfen können, um ein glückliches und selbsterfülltes Leben führen zu können? Oder erziehen wir, sprich: erziehe ich, Kinder dazu, in einer modernen Industrie bestmöglichst zu funktionieren, weil sie den Forderungen der Industrie nach Zweisprachigkeit genügen und nach einer anstrengenden 60 Stunden-Wochen auf Zuruf nach Feierabend beim Yoga entspannen können?
Macht das einen Unterschied? Im Bild vom Kind, in der Arbeit? Warum ein Kind lernt, sich die Schuhe zuzubinden: Um später nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, oder damit es unter all den anderen Arbeitern nicht auffällt?




